30 Mrz

Alsterdorf: Friedemann Schulz von Thun hat Patenschaft übernommen

4 Ohren Modell

»Ohne vier sensible Ohren bist du im Kontakt verloren«

Der bekannte Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun erklärte in einem Vortrag in der Aula der Bugenhagenschule Alsterdorf Tücken und Möglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen durch Kommunikation.

»Miteinander klarkommen – in der Schule, mit den Eltern und mit sich selbst« lautete der Titel des Vortrags, den Friedemann Schulz von Thun Schülerinnen und Schülern, Eltern und weiteren Interessierten mitgebracht hatte. Den gestaltete er sehr lebhaft und vermochte es gekonnt, sein Publikum trotz trocken erscheinender Modelltheorien gute eineinhalb Stunden zu fesseln und tatsächlich auch zu bespaßen. In einem fast komödiantisch anmutenden Schnelldurchlauf, führte er die knapp 200 Zuhörer leichtfüßig und in gut verständlicher Sprache durch vier seiner sechs Kommunikationsmodelle.

Auftakt der Patenschaft der Oberstufe

Die Veranstaltung war Auftakt der neu begründeten Patenschaft, die Schulz von Thun für das Oberstufenprofil »Anthropologie« der Bugenhagenschule Alsterdorf übernommen hat. Dieses legt mit dem profilgebenden Fach Pädagogik unter anderem einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die Bereiche Kommunikation und pädagogische Psychologie. »Ich hoffe, wir können diesen Fokus in Zukunft auch mit Friedemann Schulz von Thun so weit ausbauen, dass das Profil demnächst ›Anthropologie und Kommunikation‹ heißen kann«, sagte Oberstufenleiter Jörg Münch am Abend in einer kurzen Begrüßungs- und Dankesrede, in deren Anschluss er Schulz von Thun eine Patenschaftsurkunde überreichte. »Ich wäre froh gewesen, wenn ich als Schüler ein solches Profil gehabt hätte«, leitete der Kommunikationsprofi anschließend auf seinen Vortrag über, der bei den Zuhörern auf großes Interesse und Begeisterung stieß.

Urkunde-Uebergabe 2

Inneres und äußeres Kuddelmuddel: Botschaften und Reaktionen

»Die Schwierigkeit der Kommunikation fängt schon bei sich selbst an«, begann Schulz von Thun und erklärte äußerst anschaulich an einem persönlichen Beispiel das wohl bekannteste seiner Modelle: das Kommunikationsquadrat mit dem »vier Schnäbel und vier Ohren« Prinzip. Kern des Modells: Jede Aussage enthält und sendet mehrere Botschaften an den Kommunikationspartner, der diese Aussage dementsprechend unterschiedlich auffassen kann. Nicht nur diesen verschiedenen Botschaften, sondern hauptsächlich einem »inneren Kuddelmuddel« ist es geschuldet, dass wir nicht eindeutig, nicht authentisch antworten können, denn – mit Goethe gesprochen – es wohnen mehrere Seelen in unserer Brust. »Es sind mehrere innere Teammitglieder, die alle Teilwahrheiten repräsentieren und um das Zepter ringen, welche Wahrheit nun ausgesprochen wird«, erklärte Schulz von Thun sehr realitätsnah sein Modell des Inneren Teams. »Was eigentlich ein innerer Reichtum ist, versperrt mir praktisch aber den Zugang zu meiner inneren Wahrheit und lässt mich nicht eindeutig reagieren.«

Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg der Kommunikation finden

Wie man letztlich reagiere, hinge von der Wesensart ab, womit der Kommunikationspsychologe zum Riemann-Thomann-Modell kam. Dieses nimmt die Verschiedenheit der Menschen an und erkennt, dass es nicht die eine ideale Art gibt, zu kommunizieren, sondern die Art der Kommunikation unmittelbar mit dem eigenen Wesen des Menschen zusammenhängt. Jeder Menschen bewegt sich demnach zwischen vier gegensätzlichen Polen: zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und Distanz, ebenso wie zwischen dem Bedürfnis nach Struktur und Flexibilität. Bei niemandem sind diese Pole gleich stark ausgeprägt, meist dominiert einer davon und abhängig davon agiert man auch in der Kommunikation. »Es gibt aber Hoffnung, da man auch die anderen Pole mit der Zeit für sich erobern kann, wenngleich diese niemals dominieren werden«, erklärte Schulz von Thun, der sich selbst eher als einen ordnungsliebenden Menschen outete, sich mittlerweile aber auch mit dem Gegenpart habe anfreunden können und dementsprechend dem Publikum sein »historionisches Talent« – seinen inneren »Bruder Leichtfuß« – präsentierte.

Die Mischung macht’s!

In der Möglichkeit der Entwicklung überschneidet sich das Riemann-Thomann Modell mit dem Werte-und-Entwicklungsquadrat. Diesem liegt die Annahme zu Grunde, dass menschliche Qualitäten immer dialektisch, also gegensätzlich angelegt sind und sein müssen. »Es ist wie mit dem Wetter: erst Regen und Sonne zusammen ergeben den Regenbogen«, erklärte Schulz von Thun. »Ehrlichkeit ohne Taktgefühl ist Murks, aber zusammen ergeben sie die richtige Mischung.« 

Die richtige Mischung aus Wissensvermittlung und Spaß hat der ehemalige Universitätsprofessor auch in seinem Vortrag getroffen und damit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er Kommunikation nach allen Regeln der Kunst nicht nur beherrscht, sondern auch großartig vermitteln kann.

Friedemann Schulz von Thun und Publikum

Dies wird auch deutlich an der amüsanten Erklärungsart des Kommunikationsquadrats:

 

Um keine Botschaft zu verlieren, hören wir auf allen vieren!

Mit dem Blauohr soll es gehen, rein die Sache zu verstehen.
Hier wird oft auf Anhieb klar, was ist falsch und was ist wahr!

Mit dem Grünohr hörst du bloß: Was ist mit dem Sender los?
W
as geht gerade in ihm vor? Einfühlsam ist dieses Ohr!

Ist das gelbe Ohr ganz offen, bist du oft ein Stück betroffen!
Ganz speziell dies gelbe Ohr kommt mir sehr empfindlich vor!

Mit dem Rotohr hörst du schrill, was er denn nun von dir will.
Manchmal hört man nur das leise, mehr auf die dezente Weise!

Und so wird nun endlich klar, was hier die Erkenntnis war:
Ohne vier sensible Ohren bist du im Kontakt verloren!

 

Wer mehr zu Friedemann Schulz von Thuns Kommunikationstheorien erfahren will, dem sei die Website vom Schulz von Thun Institut für Kommunikation oder seine Bücherreihe »Miteinander reden – Störungen und Klärungen« ans Herz gelegt.